
Als Pierre Mendes France und Konrad Adenauer am 23. Oktober 1954 ihr Pariser Abkommen über die Saar am Quai d’Orsay unterzeichnen, scheint ein großes Hindernis in den deutsch-französischen Beziehungen und für europäische Integration endlich aus dem Weg geräumt. Das Abkommen sieht vor der Saar ein europäisches Statut zu verleihen, im Kern eine « Europäisierung » der Saar vor, ähnlich dem District von Columbia, ein europäisches Washington DC, und damit das erste Territorium zu schaffen, das zu keinem anderer Staat gehört als zu Europa. Fernab jeder Utopie war dies eine sehr reale Wahrscheinlichkeit und Saarbrücken erschien zu dieser Zeit als der natürlichste Kandidat für Europas Hauptstadt. Ein Jahr später soll der Vertrag der Saarbevölkerung zur Abstimmung vorgelegt werden.


Doch dann bricht der Sturm über das kleine Saarland herein: vom bundesrepublikanischen Ministerium für gesamtdeutsche Angelegenheiten finanziert und propagandistisch unterstützt, treten « deutsche » Parteien einen nationalistisch aufgeladenen Wahlkampf los, der auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Veranstaltungen der Befürworter des euopäischen Saarstatuts, wie die des Präsidenten Hoffmann können nun nur noch unter Polizeischutz stattfinden.
Wie im Zeitalter von Fakenews, geht es nicht mehr um die Sache, sondern nur noch um die dumpfe Parole « Deutsch ist die Saar! ». Wen wundert es dass der virulenteste Kampfredner gegen die Europäisierung der Saar, Heinrich (Heini) Schneider, noch vor wenigen Jahren bei Grossveranstaltungen der Nazis an Hitlers Seite zu sehen war. Nun klebt er Plakate auf denen zu lesen ist: « Wir sind wieder da ».

Für die zahlreichen Zeitungen dieser Zeit arbeitend, von bürgerlichen bis zu kommunistische Blättern, war Walter Barbian nie irgendwo Parteimitglied. Er hat es seinen Bildern überlassen für ihn zu sprechen. Aber nach der Erfahrung des Krieges und allem was er durch seinen Sucher gesehen hatte, machte er sich den europäischen Gedanken zu eigen. Dass er damals zu dem Drittel der Saarländer gehörte die mit « Ja » gestimmt hatten, darüber hat er lange geschwiegen.

An einem nebligen 1.Januar 1957 begeht Bundeskanzler Konrad Adenauer feierlich den Anschluss des Saarlandes an Deutschland. Unser Fotograf ist 37 Jahre alt und weiß gut, dass man, um eine gute Sicht auf die Dinge zu haben, den richtigen Standpunkt braucht, dass man mitunter Abstand braucht um das Ganze zu sehen. Über die Köpfe hinweg aufgenommen, platziert das Bild den Kanzler ins Zentrum der konzentrischen Kreise der Menschen um ihn herum. Es fängt perfekt den nachdenklichen Ausdruck eines Mannes ein, der, besser als seine Umgebung, weiss dass dieser Sieg in keinem Fall die noch fragile europäische Konstruktion stören darf.

Wenige Monate nach der Volksabstimmung vom 23. Oktober 1955 fährt Barbian in die Graf-Philipp-Straße Nr. 13, wohin Präsident Johannes Hoffmann nun als Privatmann gezogen war. Hoffmann sieht den Fotografen an, ein wenig überrascht, ihn dort zu sehen.
Der Fotograf schiesst zwei Fotos, die anders als die, die er sonst von Johannes Hoffmann gemacht hat, nie von irgendjemandem in Auftrag gegeben wurden, nie veröffentlicht, nie gesehen werden sollten.
Sie zeigen Johannes Hoffmann, wie er das Tor seines Hauses schließt. Aufgenommen im 6×6-Format, das er danach aufgeben wird, erzählen sie vom Ende eines Traums, einer zu Ende gehenden Ära. Im Gegensatz zu den Bildern seiner Anfänge, aufgenommen in den Trümmern von Saarbrücken, fotografiert Barbian hier um sich zu erinnern.
Es hat Zeit gebraucht zu verstehen, dass Europa am Tag das Referendums zum Saarstatut einen entschiedenden Schritt voran machen konnte. Denn zum ersten Mal in ihrer Geschichte, haben Deutschland und Frankreich einen territorialen Konflikt auf diplomatischem Weg gelöst. Die stückweise Öffnung der Grenzen im Zuge der römischen Verträge, haben es dem Saarland ermöglicht die ersehnte Brückenfunktion mitten in Europa übernehmen.
