
Saarbrücken, März 1935: In einer großen Volksabstimmung entschied sich die Bevölkerung des Saarlandes, seit 1919 unter Völkerbundsverwaltung, dafür an das Deutsche Reich angeschlossen zu werden. Die Freude ist total, die Erleichterung scheint sichtbar und die Schreie der Menge tosen, als Adolf Hitler erscheint.
Der Fotograf, damals fast noch Kind, drückt den Auslöser. Aber zu sehr in Eile, vielleicht zu aufgeregt, ist der Führer, unten links ins Bildfeld geraten, kaum zu sehen. Walter Barbian hat keine Zeit den Film zum zweiten Foto zu transportieren, das Auto ist bereits vorbei, und dieses erste journalistische Foto ist unwiderruflich verpatzt, hat er doch nicht zum richtigen Zeitpunkt ausgelöst.
1935 war Walter Barbian erst 15 Jahre alt. Er ist Saarländer. An diesem Tag im März wird er Deutscher und machte das erste Foto einer langen und produktiven Karriere. Ab da wird er nicht mehr aufhören, die wechselvolle Geschichte seiner Region zu dokumentieren. Er wird sein ganzes Leben lang versuchen sich anzunähern, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, Frauen und Männer an der Saar zu fotografieren.

Nach dem Tumult das Schweigen. Wie eine Reportage der der Zusammenhang in Ort und Zeit fehlt, ziehen die Fotos von Ruinen an uns vorüber, eins nach dem anderen. Sie zeichnen die abstrakte und verlorene Karte einer nicht mehr erkennbaren Stadt.
Im November 1946 kehrte Walter Barbian endgültig an die Saar zurück und kann die Stadt, die er als Kind und junger Mann kannte nicht mehr finden, ganze Stadtteile sind verschwunden, man erkennt kaum noch die Straßen zwischen den Ruinen.
Er fotografiert die Katastrophe, irrt wochenlang durch die Trümmern seiner Jugend. Ab und zu zeugen ein Foto, ein Gebäude, ein noch stehender Baum von seinem Erstaunen, überlebt zu haben wie er. Franz Kafka sagte: « Man fotografiert Dinge, um sie aus dem Kopf zu bekommen. »

Auf seinen Streifzügen ist der Fotograf dieser merkwürdigen rauchenden und schnaubenden Trümmerbahn begegnet, die Saarbrücken auf Straßenbahngleisen durchquert hat. Die Dampflokomotive zog ihre beladenen Wagons weit aus dem Stadtzentrum, in ein ruhiges Tal, um die Trümmer der Stadt dort zu begraben.
Nach dem Krieg musste Walter Barbian seinen Platz als Fotograf und Autodidakt erst finden. Eine Fotoschule zu besuchen war in dieser Situation illusorisch und das Leben vor seiner Linse wartete auf ihn. So brachte er sich die nötigen Techniken selber bei und verbesserte seinen Stil.
Ende der 1940er Jahre lebt er noch von Aufträgen als Tapetenvertreter, aber durchstreift das Saarland und bietet seine Fotos allen Zeitungen und Zeitschriften an, die er finden kann. Er ist 29, als seine Eltern ihm Geld leihen, um ein Geschäft zu gründen, aber Walter Barbian kauft sich stattdessen eine professionelle Fotoausrüstung.

