2. Die Anfänge Europas

Von deutschem Territorium abgetrennt und nach dem Ende des Weltkrieges von Frankreich mit einer gewissen Autonomie ausgestattet, verwĂĽstet, von Hungersnöten und Ăśberschwemmungen getroffen, legt die Saar Pragmatismus an den Tag. Sie hat die Kohlevorkommen, die der französischen Stahlindustrie fehlen, aber sie kann ihre Bevölkerung nicht alleine mit Nahrung versorgen. Ein nie da gewesenes Modell ist geboren: die Zollunion zwischen zwei Ländern – der Zusammenschluss ihrer Volkswirtschaften in einem gemeinsamen Interesse. 

Walter Barbian hat in diesen Jahren oft die Grenze ĂĽberschritten, und diese Wirtschaftsunion hat ihm das Leben erleichtert. Er wird durch seine Fotografien zum Zeuge dieser neuen französisch-saarländischen Beziehung. Der Verschluss seines Fotoapparats hält die Zeit auf zwei Zollbeamten an, der eine Franzose, der andere Saarländer, die gemeinsam eine Kontrolle an der Grenze zu Luxemburg durchfĂĽhren.

Barbian deckt sich mit Kodak Panatomic-X Film in Paris ein und ĂĽberfĂĽhrt auf dem RĂĽckweg Autos der Marke Panhard ins Saarland zur Finanzierung von Reisen und Einkäufen. Er zahlt in Franken, so wie er in Franken bezahlt wird, wenn er seine Fotos an die Saarpresse verkauft. Mit Leidenschaft gibt er sich der Fotografie hin, als Lebensunterhalt oder nicht, denn endlich ist er frei zu fotografieren, nicht mehr um zu vergessen, sondern um das Leben zu zeigen.

So wird die heimische Wirtschaft dank ihres Zugangs zum französischen Markt aus der Asche wiedergeboren. Walter Barbian zeugt davon auf seine Weise mit diesem spontanen Foto. Zwei Frauen schauen in die Vitrine. Der Metallrahmen des Glases teilt das Bild von oben nach unten, trennt die Objekte und ihre Betrachter. Die spontanen Unvollkommenheiten der Komposition machen die Fotografie nur noch realer, flössen ihr Atem ein, machen sie demĂĽtig und zugänglich. Sie offenbaren letztendlich das Staunen des Fotografen, die Begeisterung, die ihn bei jedem Zeichen des Wiederauflebens seines Landes ergreift.

Dieser Mann, Präsident Hoffmann, auf den Negativen dank seiner runde Brille mit dicken schwarzen Rändern gut erkennbar, wurde von unserem Fotografen stets mit einem gewissen Wohlwollen dargestellt. Als Vorkriegsjournalist war Hoffmann in der Zeit der ersten Volksabstimmung ĂĽber die Saar im Jahr 1935 gegen die Nazis angetreten, bevor er emigrieren musste und ihm von Deutschland die Staatsangehörigkeit entzogen wurde, um dann staatenlos an die Saar zurĂĽckzukehren, mit seinem politischen Engagement sein Territorium wieder aufzurichten und seine Annexion durch Frankreich zu verhindern.

1947, zwei Jahre vor der Bundesrepublik, haben sich die Saarländer eine Verfassung gegeben, in deren Präambel die Wirtschaftsunion mit Frankreich festgeschrieben ist: « Die Saarländer grĂĽnden ihre Zukunft auf wirtschaftliche Anbindungen und die Währungs- und Zollunion des Saarlandes mit der Französischen Republik, woraus sich die politische Unabhängigkeit des Saarlandes gegenĂĽber dem Deutschen Reich ergibt…. Â». Zu dieser Zeit hat Präsident Hoffmann häufig den Zug nach Paris genommen, um ĂĽber die Zukunft des Territoriums und eine europäische Perspektive zu verhandeln.

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